Hypes, Bauchgefühl und kalte Pizza

Heute bin ich durch meinen Kiez geschlendert und habe dabei in der rechten Hand meinen Fidget Spinner gespinnt, den ich zufällig in meiner Tasche wieder gefunden habe. Ich frage mich gerade sehr viele Fragen. Zum Beispiel, ob das überhaupt so heißt. “Gespinnt”. Außerdem frage ich mich, wie viele Menschen, die das hier gerade lesen, sich fragen, was ein Fidget Spinner ist. Vermutlich nicht sehr viele, so ist das bei Hypes – man kennt sie, auch wenn man sie nervig findet. Die meisten Menschen, die ich kenne, finden Hypes eher nervig. Und geben sich ihnen nicht hin. Ich finde Hypes super. Und ich gebe mich ihnen hin. Weil ich wissen will, warum Hypes Hypes sind. Denn nur wenn ich die Hype-haftigkeit durchschaut habe und verstehe, warum Menschen Hype-affin sind, kann ich mir eine Meinung bilden über den Hype. Catherine Hettinger aus Florida findet den Fidget-Spinner-Hype vermutlich nur so mittel, Catherine hatte nämlich im Jahr 2005 nicht die 350 Euro, die sie gebraucht hätte, um das Patent auf den Fidget-Spinner zu verlängern, dass bis dahin ihres war. Arme Catherine, ich weiß wie sie sich fühlt, eine meiner Erfindungen wurde ohne Credits auch schon mal zum Hype: Das Internet.

Ein anderer Hype, auf den ich zur Belustigung aber nicht zur Überraschung meiner Mitmenschen aufgesprungen bin, war PokemonGO. Facebook hat mich gestern mit seiner “Memory”-Funktion daran erinnert, dass ich ein paar Tage nach meinem vorletzten Geburtstag, an dem ich trotz Sturm-Warnung einen Lenk-Drachen steigen lassen wollte und nach einem kurzen Flug über das Tempelhofer Feld (Ich! Am Drachen dran!) mit gebrochenem Schlüsselbein im Krankenhaus lag, mein erstes Pokemon gefangen habe. Ein POV-Handy-Shot aus meinem Krankenbett zeigt im AR-Modus Tauboga, der aufgeregt in meinem Krankenzimmer spawnt.

Tauboga

Nicht Hype-affine Menschen haben gerade keine Ahnung, was der letzte Satz heißt. Nicht schlimm. Es gibt Wichtigeres.

Zum Beispiel Pizza. Ich habe gerade beschlossen, dass ich mir gleich eine Pizza bestelle. Das mache ich nicht oft, aber wenn, dann richtig. Crème-Fraîche-Statt-Tomaten-Sauce-Salami-Familiy-Size mit extra Käse. Hilfreich dabei ist, dass Pizza auch kalt schmeckt. Auch kalt schmeckt Ben & Jerry’s Karamel Sutra Core. Ich freue mich gerade tierisch nicht nur auf mein Essen, sondern auch darüber, dass der letzte Satz mit den selben drei Worten begonnen hat, mit denen der davor endete. Und frage mich, ob ich das nur deswegen super finde, weil ich Autor bin, oder ob das auch andere erfreut. Man weiß es nicht. Es ist auch nicht so wichtig.

Genauso wenig wichtig wie Alter. Ich bin gerade 42 geworden und dachte ein paar Tage vorher noch, ich werde 43. Warum ist das so? Weil mir Alter egal ist. Reflexion und Rituale machen Alter zu dem was es ist – einem Maßband für Veränderung. Ich habe in meinem letzten Jahr einiges von dem erreicht, was ich erreichen wollte: Ich habe wieder Regie geführt. Erstmal nur für einen Piloten. Ob Greenlight für die Staffel kommt, weiß ich noch nicht. Das hängt von Dingen ab, die ich nicht beeinflussen kann. Von Entscheidungen. Von Menschen. Von den Regeln im Fernsehland, die man manchmal versteht und manchmal nicht. Vieles hier ist Hype-getrieben, vieles von Vernunft und vieles von Angst. Der Coach eines Führungs-Seminars in grauer UFA-Vorzeit hat mir mal gesagt, dass ich zu blauäugig bin. Zu gutgläubig. Ich nenne das optimistisch. Weil ich zu denen gehöre, die sich von ihrem Bauch leiten lassen und nicht von ihrem Kopf. Die an Content glauben, wenn er gut ist. Ob der am Ende zum Hype wird, kann jetzt noch keiner sagen. Aber irgendwie gehört es ja auch dazu, die Spannung, das Hoffen. Die Nervosität. Angeblich hilft der Fidget Spinner ja ADHS-Kindern dabei, sich zu beruhigen, ein nicht un-cleverer Marketing-Schachzug, der mit Sicherheit geholfen hat beim Hype. Das wäre doch ein neuer Markt: Nervöse Fernsehmacher, die nicht wissen, ob das Greenlight für ihre Serie kommt. Da sitzen sie dann mit dem Finger-Propeller und starren auf ihr Handy. Oder auf ihren Laptop, so wie Mark Zuckerberg am Ende von „The Social Network“. Der wusste am Anfang auch nicht, ob sein Facebook zum Hype wird oder nicht. Aber er hatte da so ein Bauchgefühl…

„Familie Braun“ im Theater!

Ich habe „Familie Braun“ für die Bühne adaptiert! Eine ziemlich interessante Erfahrung, die Geschichte ist angewachsen auf 120 Minuten und hat völlig neue Aspekte bekommen, die es in der Serie nicht gibt!

Ab sofort ist das Stück beim Verlag erhältlich. Liebe Theater, liebe Dramaturgen: Kauft es und bringt es auf Eure Bühnen! Alle anderen: Spread the word! In Zeiten wie diesen ist die Message von „Familie Braun“ wichtiger denn je!

Magie, Mentoren & Marie

Wer sich fragt, ob es einen deutschen Satz gibt, in dem das Wort „schreiben“ drei Mal direkt hintereinander steht, dem kann geholfen werden. Denn ein solcher steht in meinem folgenden Text. In dem ich mir ein paar Gedanken übers Schreiben mache. Ich schreibe jetzt schon ziemlich lange beruflich, seit 1998 um genau zu sein. Das sind Achtzehn Jahre. So lange, wie ein Mensch braucht, um erwachsen zu werden. Wenn man schreibt, muss man auch erwachen werden. Oder das Schreiben selbst muss erwachsen werden, der Prozess, schwer zu erklären, was ich meine. Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, das ich hatte, als meine Figuren, die ich geschrieben habe, zum ersten Mal angefangen haben, zu sprechen. Von ganz alleine. Einfach so. Meine Finger konnten gar nicht so schnell tippen, wie meine Figuren auf dem Computerbildschirm sich unterhalten haben. Ohne, dass ich ihnen gesagt hätte, was sie sagen sollen. Das war magisch. Sehr sogar.

Vor langer Zeit habe ich mal ein Seminar besucht von Keith Cunningham und Tom Schlesinger. Zwei beeindruckende Menschen, die es in drei Tagen hinbekommen haben, dass mein Verständnis vom Schreiben sich tiefgreifend geändert hat. Sie haben viel erzählt, und wir haben viel zugehört. Und sie haben praktische Übungen mit uns gemacht. Eine von diesen praktischen Übungen ging so, dass wir uns über Nacht einen Mentor überlegen sollten. Eine Person oder Figur, die echt sein kann oder fiktiv – der wir aber zu 100 % vertrauen, weil wir ihre Weisheit schätzen. Außerdem sollten wir uns ein Thema bewusst machen, das uns gerade beschäftigt. Am nächsten Morgen im Seminarraum sollten wir dann einen Block nehmen und einen Stift. Und dann sollten wir anfangen zu schreiben. Ein Gespräch mit unserem Mentor. Über das Thema, das uns bewegt. Was denn für ein Gespräch? Ein ganz normales Gespräch. Keine Regeln. Ganz normal. Der Anfang war zögerlich. Es hat sich albern angefühlt, zu schreiben „Hey!“ „Hi.“ „Wie geht’s?“ „Gut. Und dir?“ – Aber so fing es an, das Gespräch mit meinem Mentor auf meinem Zettel. Eine halbe Stunde später war es totenstill im Seminarraum, Stifte flogen über Papier, während 15 Seminarteilnehmer gar nicht so schnell schreiben konnte, wie die Figuren auf ihrem Block sich unterhalten haben: Sie sich selbst mit ihren Mentoren.

Ich weiß nicht mehr, worüber ich mit meinem Mentor gesprochen habe, ich glaube, es ging um meine damalige Festanstellung in einer großen Produktion. Ich weiß auch nicht mehr, worüber sich die Figuren auf meinem Computerbildschirm unterhalten habe, als sie beschlossen haben, sich von mir zu lösen und selbständig zu werden – ich schätze, der Moment war ungefähr drei oder vier Monate nach meinem Seminar mit Keith und Tom. Was ich weiß ist, dass beides magisch war. Und dass es persönliche Meilensteine waren auf meinem Weg zum Autor, an die ich oft zurück denke. Egal, an welchem Projekt ich gerade arbeite. Egal, was das Thema ist, über das ich schreibe. Manche Menschen, die über Schreiben schreiben, schreiben Dinge wie: Schreib über die Themen, die du kennst! Über Sachen, mit denen du dich beschäftigst. Manche Menschen, die diesen Text gerade lesen, haben gemerkt, dass im vorvorletzten Satz drei Mal das Wort „Schreiben“ direkt hintereinander stand. Andere Menschen, die diesen Text gerade lesen, fragen sich vielleicht, warum Autoren dann nicht die ganze Zeit über Schreiben schreiben. Denn das ist doch das, was sie den ganzen Tag tun. Das ist natürlich Quatsch. Musiker schreiben ja auch nicht nur Lieder über Musik. Und Schreiner bauen keine Tische, die aussehen wie Bäume.

Meine bezaubernde Frau Marie kann Musik machen und Tische bauen. Und noch sehr sehr viel mehr. Zum Beispiel schreiben. Manche Autoren schreiben ja direkt über sich. Ohne den Umweg über fiktive Mentoren. Ich weiß nicht, ob ich das könnte, ich glaube nicht. Marie kann das. Sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie aus ihrem Leben erzählt. In kleinen Geschichten, die sich so groß anfühlen, obwohl sie gar nicht groß sein wollen. Ich bin ja einer, der im Kino weint. Manchmal. Bei Büchern not so much. Als ich Maries Buch gelesen habe, da habe ich kurz geweint. Also natürlich nicht richtig, ich hatte was im Auge, und außerdem ging es in der Geschichte vielleicht ein kleines bisschen um mich. Und an einer anderen Stelle ging es um Marie und um eine Kleinigkeit in ihrem Charakter, die vielleicht nur ich so genau kenne, weil ich sie liebe und die dem Leser gar nicht auffällt. Vielleicht war es auch der Plot, der mich berührt hat, aber irgendwie ist das ja egal.

Ich wollte gerade bei Amazon eine Bewertung zu ihrem Buch schreiben, aber Amazon hat mir das nicht erlaubt, weil Amazon glaubt, ich sei befangen. Na und? Kinder von Musikern dürfen doch auch auf den Konzerten ihrer Eltern jubeln, und Omis an Tischen sitzen, die ihre Enkel gebaut haben.

Dann lobe ich das Buch halt hier, und weil ich Autor bin, kann ich Sätze schreiben, in denen drei Mal hintereinander das selbe Wort steht. Zum Beispiel diesen:

Maries Buch ist erhältlich auf Amazon Amazon Amazon.

Geschichten

Manchmal postet man ein Foto auf Instagram von einem Whiteboard, auf dem stehen drei Worte. Der Satz, den ich gerade geschrieben habe, hieß erst: Manchmal postet man ein Foto auf Instagram von einem Whiteboard, auf dem drei Worte stehen. Fast gleich. Nur anders. Erst stand „stehen“ hinten, dann „Worte“. Ich halte nicht sehr viel von formelhaftem Denken, wenn es ums Schreiben geht, Syd Field ist mir zu mathematisch, Robert McKee ist super, der kommt von der psychologischen Seite, und Christopher Vogler macht Campbell-Ansätze für alle verständlich. Das war’s dann aber auch schon mit Büchern und Theoremen, die ich empfehlen würde, ich möchte gerne, dass Menschen aus ihrem Herzen schreiben oder aus ihren Träumen oder aus ihrem Bauch. Auf jeden Fall nicht aus einem Buch.

Irgendwann allerdings habe ich mal gelesen, dass das stärkste Wort in einem Satz hinten stehen soll. Denn dort explodiert es. Stopp. Geht besser. Irgendwann allerdings habe ich mal gelesen, dass das stärkste Wort in einem Satz hinten stehen soll, damit es dort explodiert. Wie formelhaft oder theoretisch darf Schreiben sein? Keine Ahnung. Ich habe irgendwann für mich beschlossen, dass ich aufhöre, Bücher über das Schreiben zu lesen, und die Zeit lieber nutze, um zu schreiben. Und zwar keine Bücher über das Schreiben, sondern Bücher über das Leben. Beginnen tut das oft an Tafeln. Womit wir wieder beim Anfang dieses Textes wären. Manchmal postet man ein Foto auf Instagram von einem Whiteboard, auf dem stehen drei Worte. Der Satz, den ich gerade geschrieben habe, hieß erst: Manchmal postet man ja… Nein, Scherz. Dramaturgische Klammer zu.

In meinem Büro hängen zwei riesige Tafeln an der Wand, aus diesem Material, von dem ich keine Ahnung habe, wie es heißt. In das man Stecknadeln stecken kann, um Karteikarten dran zu pinnen. Plot-Tafeln nenne ich die, jede ist so groß, dass locker ein 90-Minüter dran passt, obwohl ich ja viel mehr Serie schreibe als 90-Minüter, aber das hat den Vorteil, dass an den Tafeln dann noch Platz ist für Recherche-Material, Location-Listen und Casting-Moods. Neben der linken von diesen Stecknadel-Tafeln hängt ein Whiteboard an der Wand. Dort werden meine Geschichten geboren. Sie starten mit einer Idee, die von überall herkommen kann: Aus einem Zeitungsartikel, von einem Gesprächsfetzen auf der Straße – aus einem Traum. Manchmal als Wort. Manchmal als Frage. Manchmal als Figur. Die Figur bekommt dann einen Namen, manchmal bekommt die Figur einen Freund. Oder einen Antagonisten. Und meistens ein Adjektiv, das später in der potenziellen Geschichte vielleicht die Auflösung ist, vielleicht der Midpoint oder vielleicht der Plotpoint am Ende des ersten Akts.

Auf meinem Instagram-Foto steht auf dem Whiteboard: Thomas – tote Frau – tote Nutte. Und: „Maske“. Das war damals die Geburt einer Geschichte, die inzwischen angewachsen ist zu einem Exposé (die inzwischen zu einem Exposé angewachsen ist. – Nicht so gut). Am Dienstag werde ich dieses Exposé mit der Produktion und mit dem Sender besprechen. Danach weiß ich, ob sich die Stecknadel-Tafel mit Karteikarten füllen wird oder ob ich das Whiteboard abwischen muss und mich wieder darüber ärgern, dass Whiteboardmarker selbst mit Whiteboard-Cleaner nur am Anfang abgehen, sich aber nach der dritten oder vierten Brainstorming-Runde in das Whiteboard fressen, als wären sie Gedanken an eine lange vergangene traumatische Zeit. Letzteres betrifft nicht mich, sondern Thomas, die Figur auf dem Whiteboard. Die mit der toten Nutte. Und mit der Maske. Für meine letzte große Produktion, in der ich in fünf Tagen einen 90-minütigen Kinofilm inszeniert habe, der ein einziges Mal lief (im Kino International) habe ich mit einem 3D-Drucker eine Maske drucken lassen. Vom Gesicht des Hauptdarstellers. Als mein Zwillingsbruder (Regie 2nd Unit) diese Maske aufgesetzt und mich damit angeguckt hat, was das ungefähr der gruseligste Moment meines Lebens. Er sah nämlich nicht nur so aus wie mein Hauptdarsteller – er WAR mein Hauptdarsteller. Dieser Moment hat mich nicht wieder los gelassen. Und mich inspiriert zu der Geschichte, die auf dem Whiteboard ihren Anfang nahm („Maske“). Und die am Dienstag besprochen wird.

Ich hoffe sehr, dass Produktion und Sender mitgehen. Ich möchte die Geschichte mit der Maske so gerne erzählen. Im Moment hat mein Instagram-Foto vom Whiteboard 233 Likes. Wenn alles gut geht, wächst die Zahl vielleicht an auf 5 Millionen. Nämlich dann, wenn aus der Idee ein Drehbuch wird. Aus dem Drehbuch eine Serienfolge. Die nächsten Herbst in deutschen Wohnzimmern läuft. Manchmal kann ich gar nicht glauben, was für ein Glück ich habe mit diesem Job: Zeitung lesen. Menschen zuhören. Träumen.

Und dann schreibe ich Geschichten.